Von Frauen und kaputten Vasen

Sully Prudhomme 1901

in special recognition of his poetic composition, which gives evidence of lofty idealism, artistic perfection and a rare combination of the qualities of both heart and intellect”.1

Gehen wir zurück ins Jahr 1901; eine Zeit, in der viele Leute, die Literatur schrieben, gar nicht auf so etwas Banales wie Preisgelder angewiesen waren. Man war einfach reich. Das ist nach einer Anstellung als Ingenieur, einem Jurastudium und kurzer Tätigkeit als Anwalt auch Sully Prudhomme aufgefallen, worauf er seinen Job kündigte, von seinem Vermögen lebte und ab und zu ein Gedicht in einer Zeitschrift unterbrachte, um zwischendurch, wenn er genug beisammen hatte, einen Lyrikband zu veröffentlichen.

Literatur zu produzieren war eine Angelegenheit des Bürgertums. Vielleicht nicht ausschließlich, aber doch fast. Und gleichzeitig suhlte man sich leidend und wohlig in dem Gefühl, dass die Bourgoisie langsam auf sein Ende zusteuerte. Das waren noch Zeiten, als das Schlagwort vom Untergang des Abendlandes noch kein Schlagwort war und noch nicht von irgendwelchem Pöbel auf der Straße geplärrt wurde, weil sich in der Straßenbahn ein paar Leute auf Arabisch unterhalten. Nein, 1901 war der Untergang des Abendlandes ein Lebensgefühl. Und auch Sully Prudhomme muss es gefühlt haben. Das Ganze nannte sich dann Fin de Siècle oder Décadence je nachdem, wen man gerade fragte. Dieser kulturellen Strömung gehörte auch Sully Prudhomme irgendwie an, der mit bürgerlichem Namen René François Armand Prudhomme hieß. Jedenfalls war er bei der Dichtergruppe Parnassiens dabei, die die Autonomie der Kunst, also das Prinzip L’Art pour l’Art propagierte. Theophile Gaulthier und Paul Verlaine waren auch Mitglieder des Clubs und sind ja auch heute noch bekannte Namen; zumindest bekannter als Sully Prudhomme, den, will man seinem Wikipedia-Eintrag glauben, auch in Frankreich heute keiner mehr kennt.

Als die Schwedische Akademie, die damals zum ersten Mal zusammenkam, um nach dem Willen Alfred Nobels, der so praktische Erfindungen wie die Sprenggelatine gemacht hatte, der literarischen Persönlichkeit, die « produced the most outstanding work in an idealistic direction «, als diese Akademie also, die irgendwann mal als Äquivalent zur Académie Française ins Leben gerufen worden war, Sully Prudhomme den Preis zusprach, gab es ordentlich Kritik. Zugegeben das zitierte Kriterium der Vergabe aus Nobels Testament war schon mehr als schwammig. Und dass ihn jetzt gerade Sully Prudhomme bekommen hatte und kein Ibsen, kein Émile Zola und auch kein Lew Tolstoi, worüber einige Leute so empört waren, dass sie gleich eine Art Entschuldigungsbrief nach Russland schickten und Tolstoi wissen ließen, sie hätten sich für ihn ausgesprochen, ja darüber kann man vielleicht den Kopf schütteln.

Doch was man der damaligen Schwedischen Akademie wirklich nicht vorwerfen konnte, war dass sie sich in ihr Kämmerchen zurückgezogen hätte und unter sich ausknobelte, wer den Preis bekommen sollte, sondern sie haben tatsächlich andere Leute gefragt. Per Post. Sie schickten Briefe in alle möglichen Länder, also natürlich europäische, und fragten Kulturschaffende und Literaturprofessoren, wer denn ihrer Meinung nach den Nobelpreis verdient habe. Gut, die Franzosen schlugen nur Franzosen vor, die Deutschen nur Deutsche etc. Aber immerhin, die Schweden hatten gefragt.

Und am Ende wurde es eben Sully Prudhomme. Obwohl er hauptsächlich Dichter war, ist das einzige seiner Werke, das auf Deutsch übersetzt ist, das Intime Tagebuch (Journal Intime). Ich habe es gelesen.

Das erste was auffällt ist, dass Pruhommes Leben nicht besonders spannend war. Wobei ich sagen muss, dass ich kein großer Fan von nichtfiktionalen Tagebüchern bin. Ich habe keine Ahnung, warum es interessant ist, was Goethe oder Thomas Mann am soundsovielten zum Mittagessen gegessen haben. Ich verstehe das genauso wenig wie Leute, die ihr Mittagessen fotografieren und auf Instagram teilen.

Ausgenommen sind hier Tagebücher, die irgendeine Art von künstlerischer Komposition haben, z.B. die von Max Frisch.

Aber Sully Prudhomme berichtet in seinem Intimen Tagebuch von seinem Alltag in den Jahren 1862-1869, also als er ein junger Mann war. Von den Bällen, auf die er gegangen ist, die Leute, die er getroffen hat und die Bücher, die er gelesen hat. Dazwischen reflektiert er. Manchmal ziemlich sprunghaft:

Die Vergangenheit einer Frau ist wie die Wurzel einer Blume; die Wurzel steckt im Schmutz, dennoch führt man die Blume an die Lippen. Wer will schon wissen, was unter der Erde vor sich geht? Ich will es wissen…

Die Musik ist die erhabenste der Künste; sie spricht keine Gedanken aus, sie ist ihre Grundsubstanz. Durch sie nähern wir uns Gott. Sie macht uns klar, daß es eine höhere Welt gibt, ein Glück, das, was man Himmel nennt… Wie vergällt sie einem die Arbeit und das Leben!2

Also, alles klar. Ein junger Mann mit künstlerischen Ambitionen versucht mit schlechten Metaphern etwas über Frauen zu erzählen, natürlich ohne mit Frauen darüber zu reden. Warum sollte man überhaupt eine Blume an die Lippen führen? Dabei deutet er irgendwas über eine Frau an, die eine nicht ganz saubere Vergangenheit hat. Dann wird das Ganze generalisiert und auf die Frau an sich bezogen. Und plötzlich geht es um Musik, die Grundsubstanz von Gedanken, was auch immer das heißen soll. Durch sie nähern wir uns Gott. Also eine mystische Erfahrung? Und weil es Musik gibt, muss es einen Himmel geben und das lässt auf der Erde alles schlecht erscheinen.

An einer anderen Stelle sagt er über die Frauen:

Wenn eine Frau wirklich keusch ist, dann kann sie nicht verdorben werden; ich glaube nicht so leicht an das moralische Versagen der engelhaften Frauen.3

Schrecklich? Ja! Im Grunde aber nichts anderes als ein wahrscheinlich typischer Fall eines katholischen jungen Mannes aus dem gehobenen Bürgertum im Frankreich des Zweiten Kaiserreiches; ein Frauenbild, das immer zwischen Heiliger und Hure hin- und herschwenkt.

Aber lassen wir das. Dass das nichts ist, was man sich im 21. Jahrhundert noch ernsthaft geben kann, sollte klar sein. Doch auch die sonstigen Reflexionen Pruhdommes sind nicht besonders interessant:

Fliehen wir die Dinge, die nur Verlockung ausstrahlen.

Je freier man sich fühlt, umso mehr Freiheit will man haben.4

Nach dem Zusammenbruch der Illusionen genügt die Suche nach der Wahrheit, um uns fest ans Leben zu ketten.5

Klingt das jetzt irgendwie neu oder inspirierend? Meiner Meinung nach Nein. Der erste Aphorismus entspricht einfach christlicher Moral, der zweite hört sich nach einer Binsenweisheit an und der Dritte ist völlig verschwurbelt.

Aber wenden wir uns dem Dichter Sully Prudhomme zu. Eines seiner bekanntesten Gedichte ist Le vase brisé (Die zerbrochene/gebrochene Vase) von 1865.

Le vase où meurt cette verveine D’un coup d’éventail fut fêlé ;
Le coup dut l’effleurer à peine :
Aucun bruit ne l’a révélé. Mais la légère meurtrissure,
Mordant le cristal chaque jour,
D’une marche invisible et sûre
En a fait lentement le tour. Son eau fraîche a fui goutte à goutte,
Le suc des fleurs s’est épuisé ;
Personne encore ne s’en doute ;
N’y touchez pas, il est brisé. Souvent aussi la main qu’on aime,
Effleurant le coeur, le meurtrit ;
Puis le coeur se fend de lui-même,
La fleur de son amour périt ; Toujours intact aux yeux du monde,
Il sent croître et pleurer tout bas
Sa blessure fine et profonde ;
Il est brisé, n’y touchez pas.6
Die Vase, wo dies Eisenkraut verkümmert,
Sie ward geritzt von einem Fächerschlag.
Der Schlag hat kaum gestreift und nichts zertrümmert,
es brachte kein Geräusch ihn an den Tag.

Doch diese Wunde, kam sie noch so leise,
sie fraß sich täglich im Kristall die Bahn;
langsamen Gangs, auf unsichtbare Weise,
hat sie die Runde bis zum Schluß getan.

Das frische Wasser tröpfelte von hinnen,
der Blüten Saft erschöpfte sich, versann;
noch ahnt es niemand, was geschah dort drinnen –
sie ist zerbrochen – rühret sie nicht an!

So streift auch die geliebte Hand bisweilen
ein Herz und stößt es unversehens wund;
dann reißt es auf und lässt sich nicht mehr heilen,
und seiner Liebe Blühen geht zugrund.

Noch unverändert für den Blick der andern,
fühlt es die Wunde, die so zart begann,
tief innen wachsen, weinen, weiterwandern –
es ist zerbrochen – rühret es nicht an!7
(Übersetzung Lothar Sauer)


Aber jetzt mal im Ernst. Das ist kein schlechtes Gedicht. Durch die Reimenden wird beim Lesen ein wohliger Klang erzeugt, thematisch wird die Zerbrechlichkeit der Vase durch die kleine Wunde, die schließlich zu ihrer nicht oder noch nicht sichtbaren Zerstörung führt, impliziert, was schon im ersten Vers mit dem verkümmerten Eisenkraut angedeutet ist. Man hat es mit einem klassischen Motiv der Decadence zu tun, dem langsam fortschreitenden Untergang eines ganzen Gebildes; ob man darin jetzt das Bürgertum oder die Kunst (immerhin ist eine Vase ja ein Kunstobjekt) sehen möchte, das bleibt den Lesern überlassen.

Gut, das Gedicht drückt vielleicht nicht gerade ein modernes Lebensgefühl aus, aber mit dem Herz, das mit der Vase verglichen wird, kann sich auch jedes Individuum, das mal an Liebeskummer gelitten hat, angesprochen fühlen.

Damit aber genug von Sully Prudhomme. Er ist eher literarhistorisch interessant. Und das wäre er noch weniger, wenn er nicht den ersten Literaturnobelpreis bekommen hätte.

1https://www.nobelprize.org/search/?s=sully+prudhomme

2S. 78.

3S.60.

4S.286.

5S.288.

6https://www.poetica.fr/poeme-1524/rene-francois-sully-prudhomme-le-vase-brise/

7http://lothar-sauer.hollosite.com/uebersetzer/prudhomme/index.html